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4. Wir sprechen indisch

Nationale Identitaeten – ein in den Geisteswissenschaften haeufig diskutiertes Phaenomen. Dazu gehoert nicht nur die Kultur und Geschichte eines Landes, sondern natuerlich auch die Sprache. In Indien scheint aber gerade beim Letzteren so einiges schief gegangen zu sein.

Insgesamt gibt es 16 offizielle Sprachen und etwa 2000 Dialekte. Nicht unbedingt was besonders, die gibt es in Deutschland ja auch. Doch waehrend sich ein Koelner und ein Bayerer, zwar ungern, aber dennoch verstaendigen koennten, sieht es zwischen den Indern verschiedener Regionen in Sachen Kommunikation ziemlich mau aus. So ist es dem Staat nicht zu verdenken, dass als Amtssprache englisch eingefuehrt wurde. Ein Freudenfest fuer alle Touristen? Das ist es nicht, da kaum einer sich die Muehe macht, diese Sprache zu lernen. So auch nicht unser Fahrer Durai, der unserer Gruppe an diesem Wochende nach Yercaud kutschieren sollte.

Schon waehrend der kurvigen Fahrt hoch zu dem 1350m hohen Ferienort daemmerte es mir, dass der Driver nicht der hellste ist. Stur zwang er den Jeep die ganze Fahrt ueber im fünften Gang die steilen Serpantinen hoch, waehrend mir jedes Mal beim Blick auf die Drehzahlanzeige beinahe die Augen rausfielen. Und das, obwohl es interessantere Dinge, wie die Affenfamilien am Strassenrand oder das huegelige Panorama, zu bestaunen gab. Denn Yercaud ist eines der höchstgelegensten Orte in Tamil Nadu und hat neben Temperaturen von wunderbar-kühlen 20 Grad vor allem felsige Waldlandschaften zu bieten.

Diese sollten von uns am naechsten Tag genauer in Augenschein genommen werden, was Durai ausreichend Moeglichkeit bot seine (Un)Faehigkeiten nochmals zur Schau zu stellen. Auf dem Weg zu den Hygiriou Falls musste ich alle meine Pantomimenkuenste an den Tag legen um ihm ueberhaupt irgendwie verstaendlich zu machen, wohin der Weg uns fuehrt. Die Wasserfaelle mit der märchenhaft-grünen Umgebung un den kleinen Affen waren zwar ganz nett, aber diese Anstrengung dennoch nicht wert.

Die naechste Reisestation – ein Hindu-Tempel in einer Berghoelle – war (fuer Durai) eine noch groessere Huerde. Nach zwei Stunden Suche, deutete er schliesslich fragend auf zwei Schilder, ernsthaft von mir eine Antwort erwartend. Verdutzt blickte ich auf die Schilder und wieder auf den tamilsprechenden Fahrer, auf die Schilder und wieder auf ihn, bis es mir langsam daemmerte wo das Problem lag. Die Schilder waren in Tamil geschrieben, seiner Muttersprache also. Doch nicht nur, dass unser Durai kein englisch beherrschte, zudem konnte er anscheinend auch nicht lesen. Und zwar gar nicht. An und für sich immer noch nichts ungewöhnliches in Indien. Ein Großteil der Bevölkerung sind Analphabeten, doch wer von ihnen bewirbt sich denn bitte als travelguide für eine deutsche Reisegruppe?

Mit Hilfe von Passanten erreichten wir doch noch unser Ziel und auch weitere Programmpunkte brachten wir trozt des Durai’schen Hindernisses irgendwie zu Stande. Doch bei der naechsten Reise werden wir wohl auf unseren duemmlichen, langsamen Analphabet von Fahrer verzichten und eine Autorikscha nehmen. Wie hoch da die Wahrscheinlichkeit ist am Steuer einen sprechenden und lesenden Menschen vorzufinden, wage ich nicht zu hoffen. Denn was fuer unser einen undenkbar ist, ist in Indien moeglicher als moeglich.

30.7.11 10:18
 


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